Gäubote 28.07.2011

Am Juha gehts ab

Herrenberger Festival am Wochenende

48 Stunden sind es längst nicht mehr. Wenn nach der langen Samstagnacht am Wochenende im Herrenberger Jugendhaus im Morgengrauen die letzten Beats verwehen, sind gerade einmal rund 38 Stunden vergangen seit dem Start des Festivals am Freitagabend.

Es heißt nun ganz knapp: das 48er. Die Zahl im Namen ist geblieben, verbindet man mit ihr doch die Geschichte. Die Geschichte eines Festivals, das in diesem Jahr schon zum 18. Mal stattfindet – eine ganze Generation von Jugendlichen ist mit ihm aufgewachsen.

Und das zeigt am besten, wie sehr das Festival Tradition geworden ist, Institution, ein Teil nicht nur der Herrenberger, sondern der Jugendkultur der ganzen Region. Dass viele Jugendliche aus der Stadt, die nicht verreist sind, auch 2011 zwischen dem 29. und dem 31. Juli das Festivalgelände am Jugendhaus besuchen, das versteht sich von selbst. Aber ganz sicher werden auch 2011 irgendwo im Publikum wieder Besucher sitzen, die schon vor zehn, 15 oder gar 18 Jahren mit dabei waren beim 48er.

Das gilt zum Beispiel für Andreas Feil, der heute den Hochseilgarten auf dem Alten Rain betreibt und der schon beim ersten 48-Stunden-Fest zu den Organisatoren gehörte. Und für Philipp Wieland, der seit der großen Zäsur in der Geschichte des Festivals vor zehn Jahren mit dabei ist. Damals schien das 48-Stunden-Fest am Ende – nach Jahren hatte sich das bisherige Organisations-Team zerstreut, die “Burner Days”, die 2001 die Lücke schließen sollten, blieben allen in Erinnerung als großer Flop, und so gab es nur eine Möglichkeit: den Neuanfang. Denn sterben sollte das Festival nicht.

“Ende 2001 hat Martin Hering richtig viele Leute rekrutiert”, erinnert sich Philipp Wieland. Zum neuen Orga-Team, das vom hauptamtlichen Sozialpädagogen des Jugendhauses zusammengetrommelt wurde, gehörten zum Beispiel Wieland, Steffen Brodbeck, Daniel Somfleth, Bernhard Ruf. Alle sind sie längst nicht mehr dabei. Aber wer einmal mitarbeitete, der findet hin und wieder eben doch den Weg zurück und übernimmt die eine oder andere Aufgabe. Viel zu großen Eindruck haben die Erfolgserlebnisse hinterlassen, die man gemeinsam hatte. “Selbst mit dem schlechtesten Wetter und dem schlechtesten Line-up aller Zeiten”, sagt Philipp Wieland, “würden noch Leute zum Festival kommen.” Denn was hier zählt ist Identifikation. Andreas Feil: “Eine solche Institution geschaffen zu haben, das ist schon cool.”

Die Institution hatte ihre Anfänge bereits in den 1980er Jahren. Damals fand das Herrenberger Open Air statt, aus dem 1993 zum allerersten Mal das 48-Stunden-Fest wurde. 1993 hieß es vom 25. bis zum 27. Juni: “13 Bands – 48 Stunden – Kleinkunst – Eintritt frei”. Der freie Eintritt war beim 48-Stunden-Fest immer schon Selbstverständlichkeit, die Kleinkunst jedoch verschwand im Laufe der Jahre. Beim ersten Festival gab es noch Kleinkunst, Kabarett, einen Fakir, Varieté-Nummern, eine Boa.

Heute öffnet sich das Festival allmählich wieder in jene Richtung durch den Auftritt der Herrenberger Big Band, dieses Jahr am Samstag um 11.45 auf der Außenbühne: “Eine gute Kombination”, wie die Macher finden, die die Band auch in den kommenden Jahren auf dem Spielplan haben wollen. Nach dem Jahr 2000 jedoch entwickelte sich das 48-Stunden-Fest zügig in der Richtung einer klassischen Open-Air-Konzeption.

2006 wurde zum Schlüsseljahr, in dem es den Organisatoren erstmals gelang, mit “Revolverheld” eine Band zu verpflichten, die weit über die Region hinaus bekannt war. Ein Glücksgriff damals, denn wenig später wäre diese Band für Herrenberg bereits unerschwinglich geworden. Fortan war dies Konzept: Aufsteigende Bands zu finden. Jennifer Rostock 2008, kurz vor ihrem Hype, waren ein “Riesenschnäppchen”. Aber “Revolverheld” sind in besserer Erinnerung geblieben, waren sie doch das größere Erfolgserlebnis. Von vielen Älteren belächelt lieferten sie ein Konzert ab, das selbst Skeptiker überzeugte. “Das war eine richtig gute Rockshow”, erinnert sich Wieland. “Dort oben zu stehen am Mischpult und auf die Menge zu schauen, die vor der Bühne abrockte, und zu denken: Wow, das ist richtig groß! – das war eine tolle Sache”, erzählt Feil. “Man fragt sich immer: Weshalb macht man das überhaupt, dieses Festival organisieren, weshalb tut man sich diesen Stress an? Genau deshalb.”

Antworten auf diese Frage gab es in der Geschichte des 48ers ebenso viele wie Gelegenheiten, sie sich zu stellen. Unzählige kleine und große Höhepunkte sind es, die die Helfer und Organisatoren immer wieder für ihre Mühe entschädigten – sei es der Auftritt von Kabarettist Michael Mittermeier 1996, der mit seinem Programm “Zapped” zu Gast war, seien es die vielen Kontakte zu den Bands. Zu “Mad Sin” etwa, die 2008 spielten und deren gestandener RocknRoll-Sänger abseits der Bühne ein Publikum um sich versammelte, das er bis in die Morgenstunden mit seinen Storys aus seinem Tourleben unterhielt.

Es gab außergewöhnliche Konzerte, wie das von “Letzte Instanz” 1998 oder den “X-Rays” 1995, es gab Geschichten wie jene, die Feil erlebte, als er einst unterwegs war, um Wechselgeld zu beschaffen und auf der Rückfahrt das gesamte Umland von schwarzen Wolken behangen sah – nur jenen kleinen Flecken, Herrenberg mit seinem Festival, nicht: “Wir bekamen keinen Tropfen ab.”

Es gab Veränderungen in der Struktur des Festivals, Probleme, denen man sich stellen musste, Fragen, die man klären musste. Es gab Krisen. “Als wir das Festival übernahmen”, erinnert sich Philipp Wieland und spricht dabei von der Ära des zweiten Orga-Teams, “war die Zahl der Bands sehr stark geschrumpft.” Und es gab unterm Strich immer wieder den Erfolg: Das erste Festival lockte rund 1 000 Besucher an, jetzt rechnet man mit 12 000 bis 13 000 Gästen.

Seine Erfolgsgeschichte verdankt es nicht zuletzt der Umsicht seiner Organisatoren. Ein Wechsel, ein Wachstum, eine Bereitschaft zur Veränderung gehörte beim 48er immer dazu, ebenso wie ein Festhalten an gewissen Prinzipien: “Wir haben das Festival in all den Jahren immer finanziert, ohne dass wir betteln gehen mussten”, sagt Feil. “Wir haben eine gewisse wirtschaftliche Vernunft gezeigt, das war wohl das Wichtigste. ”

Lange wurde innerhalb der Festival-Organisation diskutiert, ob man auf dem Gelände auch beispielsweise Cocktails anbieten sollte – ein absehbar gutes Geschäft, gegen das man sich jedoch immer wieder entschied. Die Vermüllung des Geländes war eines jener Probleme, die das 48er lange begleiteten. An Tage, an denen er über das Gelände ziehen, Abfall einsammeln und den Spott der Zuschauer ertragen musste, erinnert sich Wieland. Das Müllproblem wurde zunächst gelöst, indem die Organisatoren entgeltlich die Aufräumarbeiten beim befreundeten Festival in Oberndorf übernahmen; seit dem Jahr 2010 hält man es nun so, dass man sich gegenseitig hilft mit dem Müllsack in der Hand – das sorgt für Entspannung.

Eine Entspannung gibt es längst auch zwischen Polizei und dem 48er: Man trifft sich vor dem Termin, man spricht miteinander. Vonseiten der Stadt erhält das Festival nun längst Anerkennung. Es ist endgültig ein Teil Herrenbergs geworden, den man nach einer derart langen Zeit nicht mehr missen möchte. Und dass das 48er seit 2005 mit dem Verein “MuKS” nun über eine feste Trägerstruktur verfügt, macht es endgültig zu einer Institution, die weiterbestehen wird.

Auch wenn sich vieles um das Festival herum verändert hat in jener Zeit und sich weiter verändern wird: Das Gelände, das Orga-Team, die Programmschwerpunkte, die Sonntage, das Publikum – die Offenheit für solche Veränderungen ist das Programm. “Das 48er”, sagt Andreas Feil, “war niemals ein Festival, das immer gleich bleiben musste. Es lebt von denen, die sich mit ihm entwickeln und sich erproben können.” THOMAS MORAWITZKY

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