Gäubote 31.07.2006

“Revolverhelden” locken die Massen an

Wieder ein Besucherrekord beim Herrenberger 48-Stunden-Festival: 8 000 Gäste kommen teils von weither

Es war sicherlich ein Glückstreffer”, meint Jugendhaus-Mitarbeiter Andreas Feil am letzten Tag des Herrenberger 48-Stunden-Festivals über das Engagement der Newcomer-Band “Revolverheld”. Als das Jugendhaus Ende des vergangenen Jahres seinen Vertrag mit den Hamburger Deutsch-Rockern unterschrieb, war “Revolverheld” noch eine viel versprechende, aber wenig bekannte Band.

Mittlerweile zu Idolen der jugendlichen “Bravo”-Leser aufgestiegen, bescherten die fünf, die am Freitagabend auf die Outdoor-Stage des 48-Stunden-Festes stiegen, dem Festival einen Besucherrekord.

Eine Besucherzahl von 8 000 Gästen, die teils weite Wege zurücklegten, um die “Revolverhelden” in Aktion zu erleben, ist für die Organisatoren des Festivals eine realistische Schätzung und es ist eine Zahl, die den Besucherrekord des Vorjahres (6 000) bei weitem schlägt. Ob es dem “OrgaTeam” auch 2007 wieder gelingt, daran anzuknüpfen und einen so großen Fisch an Land zu ziehen, bleibt offen, aber zu hoffen. Nicht jeder war indes mit dieser Entwicklung des Festivals zufrieden: Einstige 48er-Fans, die dem Festival knurrend den Rücken zukehrten und über den “schlechten Geschmack der Jugend” stänkerten, gab es auch. Die Masse jedoch war anderer Meinung und kam auf ihre Kosten.

So hatte die Herrenberger Band “Xeption”, deren Sänger gegen 21.30 Uhr auf der Innenbühne des Jugendhauses “Seid ihr gut drauf?” brüllte, keine reelle Chance. Gut drauf waren die Zuhörer zweifellos, aber nicht drinnen, sondern draußen, wo nun, einige Minuten früher als angekündigt, die Stargäste des Festivals loslegten. Eine derart tobende Menge hatte man beim 48er bislang nicht gesehen: Ein Meer aus Köpfen und hochgeworfenen Armen, das das ganze Gelände bedeckte. “Revolverheld” erwiesen sich dabei als weitaus bessere und härtere Live-Band als erwartet und hatten ihr Publikum konsequent im Griff. Ein Sound, der die klassischen Vorbilder der Band deutlich zum Tragen brachte, eine gut getimte Bühnenshow und die rotzfreche Teenage-Attitüde der Musiker kamen mehr als nur gut an: “Wer hat heute schon mehr als zehn Bier getrunken?”, brüllte Sänger Johannes Strate ins Mikrofon und bekam Antwort. Und schließlich der Hit: “Ich will von euch allen diesen Finger sehen. Auf Revolverheldisch heißt das: Scheiß auf Freunde bleiben!”

Abseits des Publikumsmagneten hatte das 48er aber auch in diesem Jahr viel zu bieten, was Fans und Partyvolk beglückte. Zu den beliebtesten Bands gehörten 2006 die Crossover-Formation “Karma.Connect” am Freitag auf der Außenbühne, die “Panama Riddm Section” mit Reggae und Ska am Samstagabend, und herausragend mit ihrem schweren, verzerrten StonerRock “Desert Sun”, die ebenfalls am Samstag aufspielten. Aber auch Bands wie “Brot und Spiele” oder die wütenden Metal-Rocker “Fear my Thoughts”, die am Samstag auf der Innenbühne tobten, hatten ihre Fans ganz zu schweigen von den bewährt punkigen “Zeux”, die ihre Anhänger am Samstag draußen beglückten. “Moskovskaya” indes, Ska-Band und Höhepunkt des Samstags, brachten mit einem Ska-Tango sogar die Pizza-Bäcker zum Tanzen: Die ließen für Minuten den Teig liegen, um sich im Takt durch ihre Bude am Rande des Festivals zu schwingen.

Die Zelte der Besucher standen 2006 nicht, wie gewohnt, auf der Jugendhauswiese gleich neben Bühne und Hauptgebäude, sondern zogen sich in einem großen Bogen hinter dem Festivalgelände hin, denn die Jugendhauswiese wurde in diesem Jahr zum ausgewiesenen und abgesperrten Backstage-Gelände erklärt. Nicht nur den prominenten Band-Gästen zuliebe, sondern auch um Helfer und Gäste des Workcamps unterzubringen. Eine strukturelle Neuerung, die sich, so die Sozialpädagogen Andreas Feil und Martin Hering, bewährte: “Wir können die Situation auf diese Weise besser handhaben”, sagt Andreas Feil. “Der Platz wurde dadurch größer, die Verpflegungsstände konnten in dem Bereich aufgestellt werden, der früher für die Helfer reserviert war.”

Welch bizarre Musikperformance sich Fabian Zeiss und Bernhard Ruoff alias “Audiofq” sich nun für das 48-StundenFest einfallen ließen, das kann nur sagen, wer bei ihrer Show am frühen Samstagmittag zugegen war oder die Augen aufbekam. Tatsache ist, dass beide Musiker hernach reichlich angeschmiert aussahen im wahrsten Sinne des Wortes, mit Dispersionsfarbe nämlich. Bernie Ruoff, der am Samstagnachmittag, von Kopf bis Fuß mit rissiger schwarzer Farbe bemalt, in Unterhosen und mit einem grellgelben Grinsen im schwarzen Gesicht, auf dem FestivalGelände unterwegs war, schien die übermütige Kunstaktion mittlerweile nach dem Antrocknen der Farbe in der heißen Sonne zu bedauern: “Äh, wir waren jung, dumm und kreativ.”

Am Sonntagvormittag hat der “Audiofq”-Musiker sich von seiner Farbschicht befreit und sieht wieder normal aus. Das Festival-Gelände allerdings nicht. “Wir sind darauf eingestellt, hier sauber zu machen”, erklärt Andy Feil. Unterstützung bekommt das Jugendhaus in diesem Jahr dabei wieder von Gästen aus aller Welt: Zum zweiten Mal wurde das Festival begleitet von einem internationalen “Workcamp” mit Jugendlichen aus Japan, Serbien, Mazedonien, Tschechien, Kanada, Korea und Russland. Sie werden noch bis Ende der Woche in Herrenberg bleiben und packten beim 48er sowohl bei der Vorbereitung als auch beim Abbau kräftig mit an und waren begeistert von dieser Aufgabe und vom Festival.

Kaya de Wolff und Daniela Riedinger aus Hamburg leiteten die Gruppe in diesem Jahr. “Es ist toll, dass hier alle zusammen helfen”, sagen sie über das 48er. “Es ist eine tolle Atmosphäre.” Und: “Wir hatten auf jeden Fall unseren Spaß.” THOMAS MORAWITZKY

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