Gäubote 28.07.2003

Schizophrenes Timbre attackiert Superstars

Eröffnet wird das 48-Stunden-Festival beim Herrenberger Jugendhaus am Freitag von “Basement 6″ und den sinistren “Serotonine”. Die “Bloodflowerz” sind die dritte Band des ersten Abends und zugleich eine sehr positive Überraschung. Die Band, die im vergangenen Jahr ihre erste CD veröffentlichte, spielt dunklen, harten, aber melodischen Metal-Rock und setzt sich mit einer Frontfrau, die schlangengleich über die Bühne wirbelt, ihre Frisur wie einen Ventilator kreisen lässt und dazu auch noch singen kann, sehr gekonnt in Szene.

Auf der Innenbühne beherrscht nach 21 Uhr Hennes Bender die Szene. Der Mann stammt aus Bochum, trägt ein T-Shirt auf dem “1968″ steht und ist eine Quasselstrippe ersten Ranges. Der kabarettistische Sprechkünstler hat offenbar einige Male zu oft die ersten Teile eines bekannten Fantasy-Kino-Hits gesehen, rutscht er doch, oft ganz unvermittelt, in eine Gollum-Routine ab, grunzt mit schizophrenem Timbre “Mein Schatz!” und spricht mit sich selbst. Davon abgesehen hat er relativ gesunde Ansichten. Von einem anderen Kinohit fühlt er sich an Hans Rosenthals berühmte Luftsprünge erinnert und empfiehlt den Zuschauern “Dalli Dalli reloaded”; er schimpft auf deutsche Superstars und verbreitet Ungeheuerliches über das schwache Geschlecht beziehungsweise über die Hüfthosen, in denen es steckt. Und weil er nicht mehr der Allerjüngste ist, erinnert sich Hennes Bender auch an die Stehblues-Hits von vorvorgestern und verabschiedet sich von einem Mädchen in der ersten Reihe mit einem hingebungsvoll entgegengeschmalzten Lied: “Dreams are my reality” aus “La Boum – Die Fete”, wohlgemerkt: Dem zweiten Teil.

Bender ist von der Bühne, die “P.O.R.N. Cops” machen sich breit. Die sehen so aus, wie sie heißen: Typen mit tätowierten Muskeln, steilen Hüten und natürlich Pilotenbrillen, Bürstenhaarschnitt und einem Stern an der Jacke. Im Schilde führen sie barschen Rock `n` Roll, und dafür schuften sie im höchsten Tempo. Auf der Hauptbühne sind derweil die “Bloodflowerz” “Suite yourself” gewichen. Die Headliner des Freitagabends enttäuschen jedoch mit gefälligem, allzu bravem Independent-Sound, der im Getümmel, das nach 22 Uhr zwischen den Bier- und Pizza-Ständen hin und her brandet, einigermaßen untergeht.

Der Samstagmittag gehört Bands aus dem regionalen Raum, die meist schon Auftritte im Juha absolviert haben. Zu hören sind da “Godzillas Töchter” aus Ammerbuch, die sich seit mehreren Jahren zur lokalen Deutschrock-Attraktion hocharbeiten, “Reggaeneration” aus Warmbronn, die für eine Party immer gut sind und dabei Widerstand predigen, “Uptown Butterfly” aus Herrenberg und “Madeira Cake” mit Grungegitarre und Saxofon. Ganz aus dem Rahmen fällt der Auftritt von “Luxuskörper”, einer Band, der umjubelte Auftritte in Stuttgarter Clubs nachgesagt werden. Mit elektronischen Trip-Hop-Sounds, funkigem Bass und einer Sängerin, die auf Jazz setzt, spielen sie Musik im Stil von “Moloko” oder “Portishead”. Zwischen 13 und 15 Uhr haben sie in Herrenberg allerdings nicht allzu viele Zuhörer.

Am Samstagabend startet auf der Innenbühne des Jugendhauses der Punk-Zug, angeführt von “The Cue”. Dann ziehen einmal mehr die “Toilets” an der Spülung, “Wärters Schlechte” verbreiten Stimmung und “Zeux” rocken. Auf der Hauptbühne hauen “Big Jim” in bodenständiger Hardcore-Manier auf ihre Gitarren ein. Dann überraschen die “Mellers” mit einer Mischung, die nicht nur nach Reggea und Ska klingt, sondern zwischendurch auch einmal den Rockgeschmack befriedigt. Zwar gibt es Zuschauer, die auf den Sprachfehler des Wortführers der Band enerviert reagieren, aber im großen und ganzen sind die “Mellers” genau die richtige Band, um die Stimmung anzuheizen und bieten eine willkommene Abwechslung zum harten Rockprogramm des Festivals. Die Band verfügt über eine ungemein sportive Bläsergruppe, die fröhlich ihre Instrumente schwenkend zum Skarhythmus über die Bühne joggt. Und sie hat einen außerordentlichen Gastauftritt im Programm: Bei einem Song spielt Angelika Rinker für die “Mellers” Cello. Die Herrenbergerin studiert mit dem Gitarristen der “Mellers” in Ulm – so ergab sich dieses ungewöhnliche Zusammenspiel von Skaband und Cello.

Am Sonntagmittag bietet das Festival-Gelände ein Bild der Benommenheit und Erschöpfung. Die meisten sind in den frühen Morgenstunden auf ihre Luftmatratzen gesunken; schon vor dem eigentlichen Gelände begegnet man Jugendlichen, die dort regungslos schlummern, ein halbgetrunkenes Bier im Arm, und zwischen den längst geschlossenen Bier- und Imbissständen vor der Hauptbühne trifft man auf sattelfeste Festivalgänger. Tobias Schill, Christopher Bast und Steffen Malner, Sanitäter der Herrenberger Ortsgruppe des Roten Kreuzes winken jedoch ab: “Es war ziemlich ruhig dieses Mal”. Rund 30 Sanitäter schoben Dienst im DRK-Zelt. Viel bekamen sie nicht zu tun: “Ein paar Schnittwunden.” Eine solche gibt es auch nun wieder zu verarzten: Ein Festivalbesucher steht an, mit blutüberströmter Hand.

Nach zwei Tagen Musik und Sonnenschein findet das 48-Stunden-Fest am Sonntag ein verregnetes Ende. Als letzte Band des Festivals stehen nach 14.30 Uhr “Sixie und Fuchs” auf der Bühne, versprechen “finest Funk” und spendieren Schnäpse für jeden, der zu ihrer Musik vor der Bühne das Tanzbein schwingt. Die ehemalige Abiturienten-Band des Andreae-Gymnasiums hat sich für ihren Auftritt eine zweiköpfige Bläsergruppe geholt, zu der auch der Gitarrist von “Godzillas Töchter” gehört, der hier Trompete spielt. Und mit dieser Verstärkung klingt der Funk noch funkiger, auch wenn`s dabei regnet. THOMAS MORAWITZKY

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