Gäubote 29.07.2002

Besuchermenge tanzt vor der Freibühne

Infernalisch, lautstark, sauberer und friedlicher denn je: Das 48-Stunden-Fest ist wieder da. Von Freitag bis Samstag feierten ungezählte Jugendliche rund ums Herrenberger Jugendhaus; mehr als zwei Dutzend Bands heizten ein, es gab Punk, Ska, Progrock, Reggea, Drum`n Bass, Bier, Pizza und so gut wie keinen Ärger.

Ein erster Höhepunkt war der Auftritt der alten Haudegen von “Chinchilla”, die Heavy-Metal spielen, wie man ihn seit nahezu 20 Jahren nicht mehr gehört hat. Am Freitag gegen 22 Uhr war der Festplatz bereits gut besucht, die Schlangen am Getränkeausschank jedoch noch kurz. Die Fans der Böblinger Band sorgten vor der Bühne für Stimmung – finster rockende Gitarrenoden und auch mal was zum mitsingen.

Die Stunde zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens ist traditionell die Stunde der Geister. Im Jugendhaus gehört sie der Bunker-Band “Revenge of Insanity” – deren Musik ist Düsternis der neuen Schule und noch immer etwas für Enthusiasten; Ungeübten erschließt sie sich nur in einem langsamen Hörprozess. Im Raum nebenan, bei gedämpfter Lautstärke, hört sich ihr “Death Metal” sogar richtig interessant an. Vor ihnen standen “P.Cont” auf der Bühne, die aggressiven Cross-Over in klinisch weißen Anzügen spielen, nach ihnen “Siva Purana”, die diesmal Tabla und Sitar zu Hause gelassen haben und lieber ganz gerades Zeug spielen.

Einen echten Punkkracher lieferten “Wärter`s Schlechte” aus Stuttgart am Samstag auf der Bühne im Jugendhaus ab: Während die Band sich noch einstimmte, sah man den Sänger der Gruppe bereits angriffsbereit mit Megaphon im Backstagebereich lauern; Minuten später bricht der Sturm dann los, Gitarren rotzen dreckig aus den Lautsprechern und der Frontmann springt, mit Karojacke und Polizistenschirmmütze, nervös und zackig auf der Bühne umher – mit dem Rücken zum Publikum.

Am Samstagabend schließlich erleben die Besucherscharen das Highlight des diesjährigen 48-Stunden-Festivals: Lustige Musik, die in die Beine geht mit der Ska-Gruppe “Spicy Roots” – beginnt die Menge vor der Freibühne dann allmählich sich zu bewegen, während sich droben ein lebhafter Sänger im schwarz-rot gestreiften Polohemd an einer Bierflasche festhält und “Attacke!” ruft. Die sieben Musiker überzeugen völlig, mit ihrer Reggea-Gitarre, ihrem Bassisten, der stets eine Zigarette im stets grinsenden Mundwinkel trägt, und mit ihren gut geschnittenen Bläsersätzen, die Pepp in die Party-Musik bringen. Vor dem Jugendhaus wird getanzt.

Eine ganze Reihe kurioser Zwischenfälle und Nebenschauplätze bereicherte das 48-Stunden-Fest. Gleich neben der Terrasse des Jugendhauses, versteckt hinter einigen Büschen, hatten Hartgesottene ein Zelt aufgeschlagen und “Lottes Trinkhalle” eröffnet. Wie viele Trinker in dieser Halle zu Hause waren, weiß keiner so recht. Gleich neben der Betonröhre, die vom Jugendhausgelände stadtwärts führt, hatten Technofreunde ihre Anlage aufgebaut und feierten ihre eigene Party. Es gab zwei Stromausfälle – einer verursacht durch einen Besucher, der einen Stecker herausgezogen hatte, der andere durch einen lecken Feuerwehrschlauch, der nicht nur einen Verteilerkasten lahmlegte, sondern manchen auch eine willkommene Dusche bescherte.

Am Freitagabend, gleich nach Beginn des Festivals, erreichte das “Orga”-Team ein Funkspruch, demzufolge der Zeltplatz wahrscheinlich brenne. Das jedoch erwies sich glücklicherweise als Fehlmeldung: Es handelte sich lediglich um einen Test der Nebelmaschine. Am Info-Stand fand sich auch irgendwann ein Jugendlicher ein, der forderte: “Ich hab nen Schuh gefunden, gebt mir Bier dafür!” Natürlich erschien dann später auch ein Gast, der einen Schuh vermisste. Der witzigste Zwischenfall des 48-Stunden-Festes geht auf das Konto des Filmverleihs, der den Streifen “Karlsohn auf dem Dach” geliefert hatte: Irrtümlich waren die Rollen vertauscht worden, so dass das Publikum zwei Mal die erste Hälfte des Filmes zu sehen bekam, jedoch kein Ende. Das muss allerdings schon spät abends gewesen sein: Keiner hat`s gemerkt.

Außer “vereinzelten Problemen mit Leuten, die Hausverbot hatten und dennoch wieder gekommen sind” hat Georg Rothenberger, Böblinger Polizeiführer vom Dienst, keine Vorfälle im Herrenberger Jugendhaus zu vermelden – auch keine Beschwerden aus der Anliegerschaft. Wie die vereinzelten Probleme aussahen, schildert Martin Hering, Sozialpädagoge im Jugendhaus: “Ein Skinhead hatte sich auf den CD-Koffer gesetzt.” Der junge Mann rechter Gesinnung weigerte sich, den Koffer des DJ-Duos “Beatdiggaz”, das am Samstag von drei Uhr nachts an auftreten sollte, zu verlassen. “Er hat es genossen, dass die Leute mit ihm reden mussten.” Der Kofferbesetzer wurde immer provokanter; bei Publikum und Helfern stellte sich allmählich Missmut ein. Schließlich wurde der Störenfried von der Polizei entfernt. Der Auftritt der “Beatdiggaz” fiel deshalb so gut wie ins Wasser. Sonst kam es zu keinen Zwischenfällen. Martin Hering: “Es war bis jetzt das friedlichste 48-Stunden-Fest.”

THOMAS MORAWITZKY

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